Der „Tiger“ wurde außer Gefecht gesetzt: Nach der Kollektivsperre für Gewichtheber aus Bulgarien ist Ilian Tzankov ab sofort nicht mehr für den Bundesligisten TSV Heinsheim startberechtigt. „Heinsheim ist geschockt. Das ist ein schwerer Schlag“, sagt Abteilungsleiterin Martina Dosquet im Gespräch mit Eric Schmidt.

Frau Dosquet, wie geht es Ilian Tzankov?

Martina Dosquet: Nicht so gut. Er ist alles andere als begeistert. Er ist enttäuscht. Traurig. Er hatte sich so gefreut, uns bald wieder zu sehen.

Und man kann nichts mehr tun?

Dosquet: Uns sind die Hände gebunden. Wir können uns über die Regularien der International Weightlifting Federation nicht hinwegsetzen. Wenn Ilian nicht 35, sondern jünger wäre, hätten wir uns überlegt, vor Gericht zu gehen. Für mich ist das Sippenhaft. Mein Rechtsempfinden ist brutal gestört, wenn unschuldige Leute dafür bestraft werden, dass elf bulgarische Heber des Nationalkaders gedopt haben. Meiner Ansicht nach überspannt der Verband mit der Kollektivstrafe den Bogen. Ich kenne keinen anderen Verband, bei dem so etwas möglich ist.

Und Ilian Tzankov hat sich nichts zu Schulden kommen lassen?

Dosquet: Ilian hat es immer abgelehnt, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen. Er hat seit 1996 nichts mehr mit der Nationalmannschaft zu tun. Wenn ich für jemanden die Hand ins Feuer legen würde, dann für ihn.

Der TSV Heinsheim ist nicht der einzige Verein, der von der bulgarischen Kollektivbestrafung betroffen ist.

Dosquet: Das ist richtig. In der Bundesliga sind auch der KSV Durlach und der SV Germania Obrigheim betroffen. Auch sie haben Bulgaren in der Mannschaft

Wie hat Ihre Mannschaft reagiert?

 

„Kurzfristig haben wir uns überlegt, uns aus der Bundesliga zurückzuziehen.“

Martina Dosquet

 

Dosquet: Wir haben uns mehrfach versammelt. Es gab kurzfristig die Überlegung, ob wir uns aus der Bundesliga zurückziehen sollen. Doch zum einen war der Meldezeitpunkt abgelaufen, zum anderen hat die Mannschaft erklärt, dass man sportlich aufgestiegen ist – und jetzt nicht sagen kann, man verzichtet. Wir haben immer gehofft, dass der bulgarische Verband mit dem Zahlen einer Geldstrafe die Kollektivsperre abwendet. Er war ein langes Hin und Her. Für die Vorbereitung war das alles andere als günstig.

Wissen Sie, wie lange Ilian Tzankov gesperrt ist?

Dosquet: Das ist auch so eine Sache. In dem Schreiben, das wir bekommen haben, steht davon nichts. Bisher war es so, dass es ein Jahr ist. Ein Jahr ist für einen Sportler, der gerade 35 Jahre alt geworden ist, eine lange Zeit. Das kann das Ende sein. Es war uns klar, dass die Zeit mit Ilian Tzankov irgendwann mal vorbei sein wird – in ein, zwei oder drei Jahren. Aber einen solchen Abschied hat ein feiner Sportsmann wie er nicht verdient. Wir überlegen uns, wie wir es machen werden, ob wir ihn in der neuen Saison zu einem Heimkampf einladen. Es würde minutenlange Ovationen geben. Da bin ich mir sicher.

Wie ist die Stimmung im Ort?

Dosquet: Heinsheim war geschockt. Schier fassungslos. Leute, denen ich das erklärte habe, haben geheult. Auch ich hatte schlaflose Nächte. Ilian gehört zu unserer Familie. Vor den Wettkämpfen hat er oft bei uns gewohnt, er war da, als meine Tochter zur Welt kam.

Woher haben Sie den Tzankov-Ersatz, Bartzomiej Osuch, so schnell aus dem Hut gezaubert?

Dosquet: Über einen Bekannten. Er hat mir einen Tipp gegeben. Bartzomiej Osuch hat in der vergangenen Saison verletzungsbedingt nicht mehr gehoben, sonst hätten wir ihn nicht verpflichten können. Wir waren mehr als spät dran. Er ist ein Superschwergewicht und war zuletzt für den SSV Samswegen im Einsatz. Er kann zwischen 160 und 170 Punkte holen und liegt damit im Bereich von Ilian Tzankov. Seine Bestleistungen liegen bei 180 Kilogramm im Reißen und bei 220 Kilogramm im Stoßen.

Haben Sie ihn schon mal gesehen oder oder gesprochen?

Dosquet: Nein. Es lief alles über einen Kontaktmann. Osuch war sehr interessiert. Innerhalb kürzester Zeit war alles schriftlich per Fax erledigt. Ich habe mich in Samswegen nach ihm erkundigt. Dort waren sie sehr zufrieden mit ihm. Sie haben gesagt, er sei eher ruhig und zurückhaltend, jemand ohne Starallüren. Man hat ihn gelobt. Wir sind froh, dass es geklappt hat. Aber ein Ilian Tzankov ist er natürlich nicht.