Von Florian Huber
Gewichtheben - Unsicher tappste der große Bär in die Manege und ins Licht der Scheinwerfer. Schüchtern lächelte Bartolomeij Osuch in den Saal der Heinsheimer Josef-Müller-Halle. 250 erwartungsvolle Gesichter blickten hinauf zur Bühne. Neun Jahre lang wussten die Heinsheimer Zuschauer immer was jetzt kommt. Immer wenn die Gewichtheber des TSV an die Bundesliga-Hanteln traten, stand auch die große Tiger-Nummer des Iliyan Tzankov auf dem Programm.
Nach der Kollektivsperre für alle bulgarischen Heber und dem kurzfristigen Salto rückwärts des Weltverbandes (wir berichteten) gibt es nun ein anderes großes Tier an den Hanteln zu bestaunen. Manege frei für den Bären im Zirkus der Gewichtheber.
Zufrieden
Bartolomeij Osuch, ein 122 Kilogramm schwerer Koloss aus einem Dörfchen in der Nähe von Warschau, zeigte am Samstagabend ein gelungenes Debüt. Zum Sieg gegen den großen Favoriten St. Ilgen reichte es bei der 614,2:656,0-Niederlage allerdings trotzdem nicht. Seine Riesenpranken stemmten insgesamt 369 Kilogramm in die Höhe. Die Hantelstange verbog sich gefährlich unter all dieser Last.
Während seine Mannschaftskameraden lange Konzentrationsphasen benötigen ist Osuch einer von der ganz schnellen Truppe. Rein in die Halle, ran an die Hanteln, rauf damit – und raus mit Applaus. Meist in unter einer Minute. Sein Glück, dass er nicht nach Zeit bezahlt wird. „Da müssen wir schon vorher mit Klatschen anfangen, so schnell wie das bei Osuch geht“, sagte TSV-Abteilungsleiterin Martina Dosquet. „Ich bin zufrieden, das geht aber noch besser“, übersetzte Dolmetscher Wislav Wisniewski hinterher, als sich Osuch das Tape von den Pranken entfernte. Schüchtern wie Eisbär Knut bei seinem ersten öffentlichen Auftritt wirkte er da.
16 Stunden hatte er mit seinem Trainer am Freitag im Auto verbracht. Dabei ausgiebig die Schönheit der ostdeutschen Autobahnen in zahlreichen Staus bewundern dürfen. „Er hat geschlafen, gegessen – und ein bisschen Gewichte gehoben“, fasste Martina Dosquet das Programm ihres Gastes zusammen. Nach dem Kampf ging es für den Profi-Gewichtheber sofort wieder zurück auf die Autobahn. „Zuhause kann ich nur erzählen, wie nett hier alle sind“, sagte Bär Osuch, der sich die anstehenden Kämpfe mit Tiger Tzankov teilen wird.
Baldrian-Fraktion
Noch nervöser wie der Bär waren zwei andere der starken Heinsheimer Männer. Erik Kübler, bei seinem ersten Bundesliga-Einsatz. Ralf Fein, weil er nach seinem Rücktritt zum ersten Mal freiwillig nicht mitwirkte – der Zuschauerdebütant rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin- und her. „Ich hab mir selbst ein Verbot für den Auwärmraum auferlegt“, sagte er. Erik Küblers Herzklopfen hingegen war am Samstagabend wohl auch noch auf der anderen Neckarseite, drüben in Gundelsheim, zu vernehmen. „Da sitzen so viele Leute, das ist etwas Neues für mich“, sagte Kübler.
Bislang war der 19-jährige Azubi in der Landesliga aktiv. Dort sitzen 30 Leute in der Halle. Am Samstagabend scheiterte er im Reißen an 90 Kilogramm. Sie hätten das Ticket für die deutschen Meisterschaften bedeutet. „Das ist mein großes Ziel in dieser Saison“, sagt Kübler, der Bis dahin heißt es weiter auf Muttis Kraftfutter setzen. Am Samstag gab es vor dem Wettkampf gebratene chinesische Nudeln. Polnische Bären, chinesiche Nudeln. Das ist die globalisierte Heberwelt.
TSV Heinsheim: Erik Kübler (54,9 Kilogramm Körpergewicht) 75 Kilopunkte (Reißen 70kg, Stoßen 85), Kai Wittmann (65 kg) 91 KP (96kg/113kg), Michael Teichert (75,7kg) 87 KP (105kg/130kg), Marcel Heinzelmann (83,9kg) 110,2 KP (125kg/153kg), Oliver Ehemann (112,5kg) 101 KP (135kg/175kg), Bartozomeij Osuch (122,4kg) 150 KP (163kg/205kg).