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Gefeierte Verlierer
Franz Hauß war völlig geschafft. Erschöpft stand der Abteilungsleiter des SV Germania Obrigheim in der Josef-Müller-Halle, gezeichnet von den Strapazen dieses Tages. Seine Wangen hatten sich ketchuprot gefärbt, und auf der Stirn hatten sich großflächig Schweißtröpfchen gebildet.
Es war weniger der Hitzeschweiß, es war der Angstschweiß, der sich auf seinem Gesicht breit gemacht hatte. "Ich hab' schon gedacht, wir verlieren. Eine Niederlage wäre ein harter Schlag gewesen für uns", sagte der 62-Jährige und lobte den Gegner: "Großes Kompliment an den TSV Heinsheim. Er war super."
In der Tat: Zwei Wochen nach dem furiosen 636,8:629,6-Triumph gegen den deutschen Meister AC St. Ilgen stand der TSV Heinsheim vor der nächsten großen Sensation in der Bundesliga Mitte. Nur hauchdünn, mit 668,8:675,6, verlor die Mannschaft von Ferdinand Wittmann und Karlheinz Grauf das Gewichtheber-Derby gegen den SVG Obrigheim. Der TSV hatte alles gegeben und sich mit Wucht und Vehemenz gegen die Niederlage ge-stemmt. Gegenüber dem starken Saisonauftakt hatte er nochmals 32 Punkte draufgepackt und einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. Nicht mehr bei 665,0, sondern bei 668,8 Punkten steht jetzt der Meilenstein.
Dass es trotz der Bestleistung nicht zum zweiten Saisonsieg reichte, hinterließ zwiespältige Gefühle. "Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder ärgern soll", sagte Abteilungsleiterin Martina Dosquet. Ähnlich erging es Ferdinand Wittmann: "Die Enttäuschung ist groß", erklärte der Trainer. Klar, die Mannschaft habe einen Riesenwettkampf gezeigt, mehr könne man dem Publikum nicht bieten. "Aber so eine große Chance, Obrigheim zu schlagen, kriegen wir nicht mehr. Das war brutal. Hitchcock hätte es nicht spannender machen können."
Die Entscheidung über Sieger und Verlierer fiel in diesem packenden Kräftemessen erst im letzten Versuch. Nach zunächst klarem Rückstand hatte sich der TSV im Reißen auf 252,4:255,5 herangekämpft. Auch im Stoßen bot der Außenseiter Paroli, mehr noch: Kurz vor Schluss brachte der starke Ilian Tzankov den TSV mit 668,8:665,6 in Führung. Der SV Obrigheim konterte und lag vor dem letzten Versuch mit 675,6:668,8 vorn. Der seidene Faden, an dem nun alles hing, war 184 Kilogramm schwer. So viel wog die Hantel, die Oliver Ehemann in die Höhe wuchten musste. Weit nach oben brachte er die Last, aber nicht über den Kopf.
"Ich hab' gedacht, er hat sie", erklärte SVO-Heber Jörg Mazur. "Das Problem war, dass ich das wohl auch gedacht habe. Leider bin ich dann in einen Konter hineingelaufen", sagte Ehemann. Wie vom Blitz getroffen sank der Routinier hinterher zu Boden. Er wusste: Hätte er die 184 Kilo gepackt, wäre der TSV als Sieger von der Bühne gegangen. Mit 0,2 Punkten Vorsprung.
"Vielleicht wäre das zu vermessen gewesen. Wenn wir jetzt auch noch gegen den SV Obrigheim gewonnen hätten, hätte ich gesagt: ,Kommt, wir hören auf.' Jetzt machen wir halt weiter", grinste Karlheinz Grauf, während Falk Künzel vorrechnete: "Bei einem Sieg wären wir sogar Tabellenführer gewesen. Dann wären wir jetzt nicht mehr hier, sondern alle im Neckar."
Statt des Freibads durften er und die anderen ein Bad in der Menge genießen. 400 Schaulustige feierten die Verlierer. Falk Künzel hatte ebenso mit neuen Bestleistungen im Stoßen geglänzt wie Robin Künzel. Und Kai Wittmann brachte trotz reduzierten Trainings erstaunliche 100 Punkte in die Wertung. "Bei Kai ist das sensationell. Am Mittwoch konnte er sich nicht mal die Schuhe binden, solche Rückenschmerzen hatte er. Auch Ilian Tzankov ging es nicht gut", sagte Martina Dosquet und lobte Physiotherapeutin Simone Prutscher: "Sie hat heilende Hände - und ganze Arbeit geleistet."