Gewichtheben - Morgens um halb zehn klingelte er an ihrer Tür. "Was willst du denn hier?", fragte Martina Dosquet erstaunt, als sie Marcel Heinzelmann vor sich sah. Der Gewichtheber des TSV Heinsheim war soeben von einer Geschäftsreise aus China heimgekehrt − und bat nun die Abteilungsleiterin um den Schlüssel für den Trainingsraum. Um ein bisschen zu üben. Nach einem langen, anstrengenden Flug. Nach einer Rückreise, die insgesamt 27 Stunden gedauert hatte.
Zwei Tage später, es ist Samstagabend, steht die Mannschaft des TSV Heinsheim auf der Bühne der Josef-Müller-Halle. Der Tabellenzweite der 2. Bundesliga West hat wie erwartet mit 3:0 und 553,6:468,8 Relativpunkten den Tabellenletzten KSV Langen geschlagen und feiert im sechsten Wettkampf den fünften Saisonsieg. Doch einer ist gar nicht glücklich bei den Männern in den schwarzen Kampfanzügen. Irritiert schüttelt Marcel Heinzelmann den Kopf und lächelt gequält. Trotz seines Tatendrangs, trotz seines Trainingsfleißes − es ist nicht gut gelaufen für ihn. Im Gegenteil: Ausgerechnet ihm, der alles immer besonders gut machen will, ist das widerfahren, was Heber am meisten fürchten. Ein Loch. Drei ungültige Versuche in einer Disziplin. "Mir ist das noch nie passiert. Das darf auch nicht passieren", sagt Heinzelmann.
Geschwächt
Der Jetlag. Die Zeitumstellung. Der fehlende Schlaf. Marcel Heinzelmann ist nicht Marcel Heinzelmann an diesem Tag. Als er das erste Mal die Bühne betritt, wirkt er wie jemand, dem die Hantel so fremd ist wie ein Roman in chinesischen Schriftzeichen. 120 Kilogramm? Die reißt der 28-Jährige normalerweise mit links. Doch heute sind sie schwer − viel zu schwer. Er kann sie nicht stemmen, die Gewichte. Nicht im ersten, nicht im zweiten, auch nicht im dritten Versuch. Im Stoßen, immerhin, glücken ihm die 146 Kilogramm. "Ich habe den Jetlag unterschätzt. Gott sei Dank war das kein Spitzenkampf", erklärt Heinzelmann.
Dass der TSV nicht in Gefahr gerät, dass er trotz des Lochs souverän gewinnt, liegt daran, dass der KSV Langen nicht wirklich Paroli bieten kann. Außerdem springen die anderen Heinsheimer in die Bresche. Allen voran Lars Wittmann. Der 21-Jährige macht alles richtig an diesem Tag. Sechs gültige Versuche. Neue persönliche Bestleistungen im Reißen (98 Kilogramm) und im Stoßen (118 Kilogramm). "Es hat alles so hingehauen, wie ich es mir vorgestellt habe", sagt Wittmann. Auch Robin Künzel ist gut drauf − und stellt mit 144 Kilogramm im Stoßen einen neuen Rekord auf.
Rückendeckung
"Gewichtheben ist Einzelsport. In Heinsheim ist Gewichtheben aber auch ein Mannschaftssport. Wenn jemand ein Problem hat, helfen ihm die anderen" sagt Ralf Fein, der technische Leiter. Dass Marcel Heinzelmann schwächelt, nimmt ihm niemand übel beim TSV. "Ich kann das nachempfinden. Ich bin mal morgens von der Dominikanischen Republik heimgekommen und habe abends gehoben. Da tickt die innere Uhr einfach anders", sagt Kai Wittmann. "Den Wettkampf gegen Ladenburg hat er uns gewonnen", erklärt Ralf Fein. Er ist sich sicher: "Wenn wir in Weinheim antreten, werden wir einen ganz anderen Marcel Heinzelmann erleben."
TSV Heinsheim: Marcel Heinzelmann (Körpergewicht: 85,8 kg) 60,2 KP (Reißen 0 kg/Stoßen 146 kg); Kai Wittmann (65,0 kg) 85,0 K (93 kg/110 kg), Lars Wittmann (69,9 kg) 83,0 KP (98 kg/118 kg); KevinKübler (73,0 kg) 74,0 KP (95 kg/120 kg); Aleksandar Dimitrov (79,3 kg) 163,4 KP (147 kg/175 kg); Robin Künzel (84,5 kg) 88,0 KP (113 kg/144 kg).